(Januar 1943)

Freitag den 1. Januar 1943

Nun haben wir wieder ein neues Jahr vor uns liegen. Seit einigen Tagen hat Frost eingesetzt. Bis dahin war es aber schönes, mildes Wetter. Bis vor wenigen Tagen schien es so, als wenn kein Winter kommen wollte. Jetzt sind etwa 6 Grad minus. Anhalten wird das Frostwetter nicht lange. Es ist eher Schnee oder Regen zu erwarten. Wenn man seine Gedanken zurück auf das vergangene Jahr schweifen läßt, dann sieht man fast ausschließlich sorgenvolle Tage.

...

Köln leidet noch immer an den Folgen des Großangriffs vom 30/.31. Mai vorigen Jahres. Die ganzen Monate hindurch hat man daran gearbeitet, die baufälligen Ruinen niederzulegen. Tausende von Fuhren Schutt wurden ab gefahren. Es kam aber nur der Schutt in Frage, der dem Verkehr hinderlich war oder derjenige, der beim Wiederaufbau von vornehmlich Geschäftshäuern hinderlich war. So ist jetzt wieder in der Gürzenichstr. der Kaufhof und Fa. Michel u. Co. wieder am entstehen. Ebenso wird auch wohl das Kaufhaus Peters in der Breite Str. wieder teilweise hergestellt.

Im Allgemeinen kann man sagen, daß überall das Bestreben der Behörden war, wieder etwas Ordnung zu schaffen. Aber trotzdem hat man den trostlosen Zustand in dem sich unsere schöne Stadt befindet, nicht beseitigen können. Auch im Kraftverkehr hat sich Köln gewandelt. Wegen Treibstoffmangel ist der Personenwagen auf den Straßen eine Seltenheit geworden. Hierdurch sind besonders in den Hauptverkehrsstunden die Straßenbahnen stark überlastet. Dies kommt auch daher, daß fast alle Bahnen nur alle 15 Minuten verkehren. Vor dem Kriege hatten wir den 10 Minuten –und später im Kriege den 12 Minutenverkehr erhalten.

Die Ernährungslage kann man für das Kriegsjahr 1942/43 als ausreichend bezeichnen. Man darf natürlich hierunter nicht das friedensmäßige „Ausreichend“ verstehen. Denn Speck und Fett gibt es seit letztem Frühjahr überhaupt nicht mehr. Das Brot ist knapp und reicht z. Beispiel für meine Person lange nicht aus. Hier und da ist noch eine Brotmarke zu ergattern, die als Ausgleich dient. Dazu kommt noch die Ernte aus unserem Haus- und Schrebergarten. Für den Kopf der Bevölkerung wurde im Herbst 4 Ztr. Kartoffeln ausgegeben. Dieselben haben wir auch erhalten, so daß wir hiermit versorgt sind, weil auch unser Garten noch was erbracht hatte. Und trotzdem müssen wir hiermit sparsam umgehen, soll doch diese Zuteilung bis 15. August reichen. Für Familien, die keinen Garten haben, ist die Lage ganz anders…..

An den Fronten sieht es so aus, als wenn wir schwere Rückschläge hinhalten müßten. Rommel hat vor den Engländern die El Alamein-Stellung aufgeben müssen und mußte sich schnell bis zum östlichen Tripolitanien bzw. westlybischen Grenze zurückziehen. Die Amerikaner haben durch ihre unerwartete Landung in Nordafrika das ganze Land zwischen Ozean und der Westgrenze von Tunis besetzt. Es ist zu befürchten, daß unsere Armee schon im Januar noch Tripolis verliert und in Tunis zwischen zwei Fronten steht. Die Alliierten werden jedenfalls versuchen, noch in diesem Frühjahr eine Entscheidung in Afrika herbeizuführen. Als Laie kennt man nicht as Kräfteverhältnis. Ich fürchte aber, daß unsere Armee einen schweren Stand haben wird…… In Rußland ist eine starke russische Offensive im Gange. Auch hier haben wir schon dem Druck nachgeben müssen. Die russische Armee soll schwer bewaffnet sein. Auch hier besteht die Gefahr, daß wir weite Gebiete abgeben müssen. Wie sich alles hier im Frühjahr wieder ändern wird, ist schwer zu sagen. Hat Rußland oder Deutschland dann die meisten Reserven?

So gehen wir ins neue Jahr mit großen Sorgen, da in diesen Tagen schon der Jahrgang 1925 einen Gestellungsbefehl für den Reichsarbeitsdienst erhalten hat..... 

Sonntag, den 3. Januar 1943

Fliegeralarm Nr. 418 von 18.00 - 19.00 Uhr, Nr. 419 von 19.45 - 20.00 Uhr

Montag, den 4.1.1943

Fliegeralarm Nr. 420 von 19.30 - 20.20 Uhr

Freitag, den 8.1.43

Fliegeralarm Nr. 421 von 5.50 - 6.20 Uhr, Nr. 422 von 19.00 - 20.20 Uhr

Samstag, den 9.1.43

Fliegeralarm Nr. 423 von 12.00 - 12.30 Uhr

Montag, den 11.1 43

Fliegeralarm Nr. 423 von 19.00 - 19.20 Uhr

Bei diesen Alarmen handelte es sich um Angriffe auf das Ruhrgebiet, die teilweise sehr schwer waren. Köln wurde wenig dabei getroffen. Meist kreisten die Flieger nur in der weiteren Umgebung.

Dienstag, 12. Januar 1943

Heute haben wir Eltern einen schweren Tag gehabt. Pflichtgemäß musste sich unser Josef um 10 Uhr zum „Reichsarbeitsdienst“ in der Messehalle in Deutz melden. Beide haben wir ihn dorthin begleitet. Etwa 400 junge Menschen versammelten sich dort und wurden von den Führern des RAD bald schon in einzelne Gruppen eingeteilt. Um 11.10 Uhr fuhren die Jungens vom Bahnhof Köln-Deutz mit einem Sonderzug ab. Viele Angehörige hatten auf den beiden benachbarten Bahnsteigen Platz genommen, um ihrem Sohn den letzten Gruß - vielleicht für lange Zeit - zu spenden.... 

Mittwoch, den 13. Januar 43

Fliegeralarm 425 von 6.00 - 6.50 Uhr, Nr. 426 von 19.10 - 20.10 Uhr

Freitag, 15.01.43

Fliegeralarm Nr. 427 von 20.00 - 20.50 Uhr

Samstag, 16.1.43

Fliegeralarm Nr. 428 von 0.00 - 1.00 Uhr, Nr. 429 von 19.30 - 20.10 Uhr

Donnerstag, 21.1.43

Fliegeralarm Nr. 430 von 19.45 - 20.30 Uhr

Freitag, 23.1.43

Fliegeralarm Nr. 431 von 20:00 - 21.00 Uhr

2-mal hintereinander wurden Angriffe auf Berlin ausgeführt, die von der Luftwaffe mit Angriffen auf London erwidert wurden.

In diesem Winter haben wir von „Winter“ nicht viel zu leiden. Bis jetzt war es durchschnittlich angenehmes Wetter. Ein paar Tage nur Frost und Schnee. In den letzten Tagen war das Wetter so mild, als wenn wir kühles Maiwetter hätten.

Mittwoch, 27.1.43

Fliegeralarm 432 von 19.00 - 20.50 Uhr, Nr. 433 von 21.20 - 21.45 Uhr

Samstag, 30.1.43

Fliegeralarm Nr. 434 von 22:00 - 23.30 Uhr

 (Februar 1943)

Dienstag, den 2.2.43

Fliegeralarm Nr. 435 von 19.30 - 22.00 Uhr

Mittwoch, den 3.2.43

Fliegeralarm Nr. 436 von 19.30 - 22.00 Uhr

Samstag, den 6.2.43

Fliegeralarm Nr. 437 von 20.30 - 21.15 Uhr 

Montag, 8.2.43

Fliegeralarm 438 von 12.30 - 13.00 Uhr

Mittwoch, 10.2.43

Fliegeralarm Nr. 439 von 0.30 -0.50 Uhr

Donnerstag, 11.2.43

Fliegeralarm Nr. 440 von 20.45 - 21.15 Uhr

Freitag, 12.2.43

Fliegeralarm Nr. 441 von 20.35 - 21.10 Uhr

Samstag, 13.2.43

Fliegeralarm Nr. 442 von 20.30 - 21.15 Uhr

Sonntag, 14.2.43

Fliegeralarm Nr. 443 von 20.00 - 20.45 Uhr

.... Als wir in Ehrenfeld ankamen, gingen plötzlich die Sirenen. Der Zug fuhr jedoch bis Hauptbahnhof durch. Hier wurde andauernd durch Lautsprecher bekannt gegeben: Achtung! Achtung! Achtung! Fliegeralarm! Die Fahrgäste werden gebeten sofort die Luftschutzräume aufzusuchen. Die Bahnhofshalle war überfüllt mit 100te von Menschen. Nur wenige kamen der Aufforderung nach.

Wir hatten das Bestreben, falls nicht geschossen würde, zu Fuß nach Hause zu gehen. Aber kaum, daß wir den Bahnhof verlassen hatten und die Marzellenstr. betraten, sahen wir in Richtung Neußer Str. das Aufblitzen der Flak, und gleich darauf hörten wir auch den Geschützdonner. Scheinwerfer traten auf der ganzen Nordwestseite in Tätigkeit. Die Flak schoss immer näher. Allem Anschein nach hatten wir es diesmal wieder mit einem Angriff auf Köln zu tun. Also rein irgendwo in den Keller. Im Laufschritt erreichten wir das Gebäude der Arbeitsfront Ecke Marzellenstr. und An den Dominikanern, in dem sich ein öffentlicher Luftschutzkeller befindet. Aber ohweh, der war schon überfüllt. Ein Luftschutzwart verwies uns in einen Keller gegenüber. Dort liefen wir ohne Bedenken hin. Es war ein tiefer Keller mit Gewölbe. Zivilisten, Offiziere und Soldaten hatten bereits dort Unterkunft gesucht. Wir waren noch nicht ganz die Treppe herunter, da bebte auch schon das ganze Haus, Bomben explodierten in unserer Nähe, noch mehr Passanten strömten in den Keller. Wir hörten dauernd schweres Flakfeuer, dazwischen Detonationen. Leicht erbebte das Gebäude. Ab und zu konnte man den Luftsog in den Hosen spüren.

Nach etwa 20 Minuten war alles still. Wir wagten uns als erste aus dem Keller und traten ins Freie. Wir lauschten, aber alles blieb ruhig. Rund um uns war der Himmel mit rotgelben Brandwolken bedeckt. Es war noch keine Entwarnung gegeben. Aber wir traten, von Unruhe erfüllt, es könnte zu Hause etwas passiert sein, den Heimweg zu Fuß an. Die Straßenbahnen lagen still. In der Marzellenstr. schritten wir schon über die Glassplitter.

Dann kamen wir auf den Eigelstein, in dem schon wieder Häuser zu Ruinen geworden. Hier stand das Eisenwarengeschäft Schnorrenberg am Stavenhof in Flammen. Funken sprühten über die Straße, die gerade von einer ankommenden Feuerwehr abgesperrt wurde. So kehrten wir wieder um und erreichten über Unter Krahnenbäumen, Domstr. wieder den Deutschen Ring / Neußer Str. Überall sah man Brände auflodern. Viele Brandbomben lagen vom Deutschen Ring bis Agneskirche. Hier konnten wir auch den Riesenbrand sehen, der die Möbelfabrik Mellmann in Nippes vernichtete.

In der Niehler Str. war wiederum ein Gebäude des schon früher hart mitgenommenen Kabelwerkes am brennen. Kurz vor der Friedrich-Karl-Str. angekommen, kam die Entwarnung. Wir waren froh, daß, als wir die Gierkestr. betraten, dort alles in Ordnung war. In der Stadt waren wieder überall Schäden entstanden, die auch ihre Toten forderten. So waren einige Häuser in der Thieboldsgasse, Hohepforte und Sülz durch Volltreffer vernichtet worden. Man spricht von 50 Toten.

In Rodenkirchen, da wo sich die Rheinuferbahn dem Rhein nähert, wurde eine von Bonn kommende Bahn vom Alarm überrascht. Die Fahrgäste stiegen aus und suchten schnell das nahe liegende Fort an der Militärringstraße zu erreichen. Da schlug in nächster Nähe eine Bombe (anscheinend eine Luftmine) ein. Die Leute wurden auf den Boden geschleudert und kamen erst nach Minuten wieder zum Bewusstsein. Ein Augenzeuge berichtet, daß es ganz toll ausgesehen hätte. Koffer, die Hamsterware enthielten, waren aufgesprungen. Der Inhalt lag in der ganzen Gegend herum. Frauen suchten ihre Hüte, Männer ihre Hüte und Schals. Kleider am Körper waren zerfetzt. Von einer Familie eines Arbeitskameraden hatte der Mann 2 Stunden die Sprache verloren, seine Hosen waren in den Nähten aufgesprungen. Seine Frau suchte vergeblich Hut und Brille. Das Kind hatte ein Steinchen im Auge, was erst durch den Arzt im Krankenhaus beseitigt werden konnte. Auch hier gab es Tote und viele Verletzte.

Dienstag 16.2.43

Fliegeralarm 444 von 3.30 - 4.00 Uhr

Mittwoch 17.2.43

Fliegeralarm Nr. 445 von 20.30 - 21.00 Uhr

Freitag 19.2.43

Fliegeralarm Nr. 446 von 21.00 - 21.30 Uhr

Dienstag 23.2.43

Fliegeralarm Nr. 447 von 21.00 - 21.50 Uhr

Donnerstag 25.2.43

Fliegeralarm Nr. 448 von 21.00 - 23.50 Uhr

Je eine Bombe Thieboldsgasse 23, Mauritiussteinweg 63, Clemensstr.27/29. Einige Tote und Verletzte.

Freitag, 26.2.43

Fliegeralarm 449 von 0:10 - 2:00 Uhr sowie 450, 451, 452, 453, 454

Sonnabend, 27.2.43

Fliegeralarm Nr. 455, 456, 457

Sonntag, 28.2.43

Der Angriff am 26/27.2.43 war ein Großangriff.

In der Hauptsache wurden hier die Stadtteile Sülz, Klettenberg und Lindenthal betroffen. Der eigentliche Angriff dauerte auch nur ungefähr 1/2 Stunde. In unserem Keller haben wir aber nichts davon gemerkt. Dafür waren die Entfernungen zu groß. So kamen wir unerwartet gut davon ab. Das lange Warten und die Spannung war jedoch riesengroß, da die Flugzeuge dauernd über uns kreisten, heftig von der Flak beschossen. Keinen Augenblick konnte ich es wagen, den Keller zu verlassen. In den genannten Vororten sind ganze Häuserblocks niedergerissen. Tausende Menschen sind wohnungslos geworden, in vielen Familien ist wieder Elend eingekehrt. So geht der Krieg immer weiter und das Zerstörungswerk nimmt kein Ende.

Wer weiß, ob wir diesen Krieg überleben. In unserer Familie ist seit längerer Zeit kein Mut mehr vorhanden. Uns Eltern drückt die große Sorge um das Leben unserer Söhne. Immer haben wir noch die Hoffnung gehabt, daß sich unser Hans aus dem Kessel Stalingrad durch Verwundung hätte retten können. Es sollen ja 47 000 Mann mit Transportflugzeugen herausgekommen sein. Nun ist das schon so lange her, daß wir auch diese Hoffnung aufgegeben haben....

 (März 1943 bis Juni 1943)

Heute ist der 29. März 1943

In diesem Monat habe ich keine Alarme mehr aufgeschrieben. Ich war einfach dazu nicht imstande. Das Vermißtsein unseres lieben Jungen hat uns alle Lust genommen....  Heute habe ich 8 Briefe beim Postamt in Riehl abgeholt, die zurück kamen und den Vermerk „Unbestellbar zurück“ tragen. ...

... Möge die Menschheit, wenn dieser Krieg beendet ist, für immer von einem nochmaligen Krieg bewahrt werden. Je zivilisierter die Nationen, je grausamer sind die Mittel, die für einen Krieg und Sieg ersonnen werden.

Seit Anfang dieses Monats ist auch unser Josef ausgerückt. Er steht als 17jähriger Arbeitsmann jetzt vielleicht an Hollands Küste. Er berichtet, daß es ihm gut geht. Er hat die Feldpostnummer 03215. 

In  dem vergangenen Winter hat unsere Armee im Osten starke Rückschläge erlitten. Der Kaukasus und das ganze Gebiet zwischen Woronesch und Rostow und Donetz und Wolga ging verloren. Jetzt steht unsere Afrikaarmee unter Rommel in schweren Kämpfen. Ich fürchte, daß wir uns auch dort nicht halten können und vor der Übermacht der Engländer und Amerikaner das Feld räumen müssen. Jedenfalls kann uns das Jahr 1943 noch große Überraschungen bringen. Der Luftkrieg auf deutsche Städte nimmt auch immer mehr zu. In diesem Monat waren Berlin, Köln und besonders Essen große Angriffsziele. Man könnte fast glauben, daß nach dem Krieg statt blühender Städte man nur noch Trümmerhaufen findet, wenn dieser Krieg noch ein paar Jahre andauert.

In diesem Jahre haben wir ein sehr schönes Frühlingswetter. Alle Obstbäume haben schon dicke bald aufgehende Knospen. Die Aprikosen- und Pfirsichbäume stehen in voller Blüte. Schnee und Frost haben wir in diesem Winter wenig kennen gelernt. So haben wir eine gute Ernte in Aussicht. Die Ernährungslage steht heute, im Kriegsjahr 1943, nicht schlecht in Deutschland. Im Gegensatz zu 1918 ist sie als gut zu bezeichnen. Die schönen Tage des Friedens darf man nicht zum Vergleich ziehen. Mit der Brotration kommt der Durchschnittsesser aus, ebenfalls mit der Zuteilung an Kartoffeln. Ungünstig wirkt sich für die Ernährung aus, daß wir keine Zuteilung an Fett und Speck haben. Sogar die Butterration fällt in dieser Woche aus. Ein Glück für den Großstädter ,wenn er, wie wir, einen Garten hat, auf Grund dessen Erzeugnisse er seine Ernährung besser gestalten kann. Immer muß ich die armen Menschen bedauern, die einen solchen Garten nicht haben und auch keine Beziehungen zum Lande haben. Wenn alle auch einigermaßen satt werden, so ist es doch keine Ernährungsweise, wie sie der schaffende Mensch braucht.

Am 1. April werden zahlreiche Geschäfte geschlossen. Große Kaufhäuser wie auch kleine Geschäfte sind von dieser Aktion betroffen. Alle Kräfte werden für Wehr -und Rüstungsindustrie eingesetzt. Die Geschäftswelt handelt, tauscht und kauft im Geheimweg zum Schaden der Allgemeinheit. Zu dem Übel der Frauen, daß es keine Kaffeebohnen gibt, kommt auch jetzt noch die Besorgnis der Männer, daß sie sich müde für ein paar Zigaretten oder sonstige Rauchwaren laufen müssen. Die Textilindustrie liegt für den privaten Bedarf still. Nur die Kriegsmaschine arbeitet. In den Fabriken, auf den Straßen, in der Straßenbahn begegnet man Menschen mit fremden Sprachen, Männer und Frauen, darunter Ukrainer, Russen, Polen, Holländer, Belgier, Franzosen. Alle sind eingesetzt an Plätzen,, wo früher unsere Jugend und auch das Alter stand, die jetzt in der Wehrmacht Dienst machen müssen.

Hoffen wir, daß der Krieg bald nach dem Wunsch der Allgemeinheit mit dem Frieden tauscht und dann wieder glücklichere Zeiten für die Menschheit anbrechen In diesem Monat haben wir so viele Fliegeralarme gehabt,  so daß man bald mit der Nr. 600 rechnen kann…….

Montag, den 21. Juni 1943

... Fast 4 Jahre leben wir in dem nervenraubenden Krieg. Über uns schwebt die drückende Last über das Wohlergehen unserer Kinder.... 

Am 17. hatten wir wieder einen schweren Angriff zu überstehen. Es waren wieder 30 Minuten, in denen die feindlichen Flieger ihre Bomben auf Köln fallen ließen. Man spricht von über 150 Toten. Sehr viele Obdachlose haben wir in Deutz und Mülheim. Buchheim ist fast vollständig in Trümmer gelegt. Auch mußten wieder Kirchen wie St. Heribert in Deutz und St. Andreas dran glauben. Nach meinem Dafürhalten war der Angriff nicht so stark, wie ihn andere Städte in letzter Zeit erlebt haben. Ich fürchte, daß für unsere Stadt das Schlimmste noch bevorsteht.

Denn was man von Wuppertal, Düsseldorf, Oberhauen usw. hört, ist furchtbar. Große Verheerungen und Todesopfer hat auch die Vernichtung der Eder- und Mönetalsperre gekostet. Ganze Ortschaften wurden von der Flut erfasst und weggeschwemmt, Brücken herausgerissen und hierdurch Bahnen stillgelegt. Alles hört man nur von Mund zu Mund, da aus militärischen Gründen davon nichts in Zeitungen erwähnt wird. In dieser Zeit, wo der Feind fast jeden Tag in einer Stunde eine andere Stadt einem Trümmerhaufen gleich macht, geschieht von uns nichts, was dem gleichzustellen wäre. Die Bevölkerung ist niedergeschlagen. Man sehnt sich den Frieden herbei.

Es sieht so aus, als wenn unsere Wehrmacht überall in die Defensive gedrängt wäre. Die Ostfront ist ruhig und nichts sieht danach aus als wenn wir in diesem Jahre eine Offensive machen wollten. Also Stellungskampf. In der ersten Zeit des Ostkrieges wurde immer behauptet, daß es  nicht zu einem Stellungskrieg kommen würde und doch ist es so. Eine große Niederlage haben wir auch durch den Verlust von Tunis und somit von Afrika erhalten. Wenn dies auch nicht offen in Zeitungen ausgesprochen wird, so spricht man aber doch allgemein öffentlich über diese Dinge, die nicht kommen durften. Ich glaube, um die Wahrheit zu schreiben, daß es kaum nicht mehr als 20% der Bevölkerung gibt, die noch an einen deutschen Sieg glauben. Hitler hat lange nicht mehr das Zutrauen, was er zu der Zeit hatte, als das Volk anders nichts kannte, als Sieg und Blitzkrieg.

Wie immer im Leben, so ist es auch in der Politik. Geht es einem gut, so nimmt die Schar der Freunde kein Ende, kommt aber die Not, so daß man einen Freund nötig hat, ist keiner zu finden. Von Regierungsseite droht man England mit Vergeltungsangriffen von nie dagewesener Stärke und Totalität. Im Allgemeinen glaubt man, daß dies zwar möglich, aber der Krieg dadurch nicht gewonnen würde, da Afrika und Amerika weit genug vom Schuß liegen. Amerika rüstet auf und produziert Waffen und Schiffe in ungeheurer Zahl und Menge. Unsere U-Boote haben gewiss schon Millionen von Bruttoregistertonnen versenkt. Es war aber zu wenig, um die Amerikaner von einer Landung in Afrika abzuhalten. Die Versenkungen reichten nicht aus und konnten es nicht verhüten, daß Engländer und Amerikaner die Oberhand gewannen und wir und Italien, Afrika räumen mussten. Italien behauptete immer wieder, der Beherrscher des Mittelmeeres zu sein. Nach der Niederlage in Afrika sagte man, Transportschwierigkeiten wären daran schuld. Eine Ausrede, die das Volk nicht verstehen will. Auf jeden Fall haben unsere Niederlagen auch durch die Räumung des Kaukasus, der Preisgabe von Stalingrad und des Donbeckens sowie Afrikas erheblich dazu beigetragen, die Stimmung des Volkes herabzudrücken.

Dazu folgt noch die Angst der Bevölkerung, daß bald ein schwerer Angriff auf Köln folgen könnte. Nach meinem Dafürhalten ist dies auch bestimmt anzunehmen. Ob wir einen solchen Angriff überleben? In Düsseldorf, Wuppertal usw. sollen es sehr viele Tote gegeben haben. Der größte Teil dieser Städte soll nur noch ein Trümmerhaufen sein.

Im Garten grünt und gedeiht alles sehr schön. Es gibt eine reiche Ernte in Stachel- und Johannisbeeren und Frühkartoffeln. Salat, Erbsen und Möhren haben wir in reichlicher Menge und genug für unseren kleinen Haushalt. Jetzt im Kriege ,wo nur das Wenige auf dem Markt zu haben ist, zeigen sich erst die Vorteile, die der Kleingärtner durch Fleiß erzielen kann. Neben dem Kleingarten haben wir auch noch eine kleine Kaninchenzucht, die uns im Winter noch mit Fleisch und Fett versorgen soll. Wenn jetzt statt Fett eine Zwiebel zum Braten der Kartoffeln herhalten muß, dann soll das im Winter doch etwas anders sein. Im letzten Winter hatten wir zum ersten Mal im Leben 3 Kaninchen geschlachtet. Jedes davon brachte uns außer dem Fleisch etwa 1 ¼ Pfund reines, wohlschmeckendes Schmalz. Wenn in guten Friedenszeiten auch über diese Zeilen gelacht wird, so bitte ich doch .den Ernst der Kriegslage zu berücksichtigen. Denn für den Normalverbraucher gibt es schon seit 2 od.3 Jahren kein Fett oder Speck. Augenblicklich gibt es pro Person 125 gr. gute Butter in der Woche und 200 gr. Margarine im Monat. Das Gemüse ist sehr knapp. Für 1 Kopf Salat wird „Schlangen“ gestanden. Pro Woche gibt es ein Pfund Gemüse und 5 Pfund Kartoffeln pro Person. Entbehrung gibt es also genug zu tragen, besonders für Familien, die, wie ich schon erwähnte, nur auf Karten angewiesen sind. Man kann froh sein, daß alles gut organisiert ist, sonst würde die halbe Bevölkerung kein Essen vorfinden und schlechtere Ernährung haben wie im 1ten Weltkrieg.

Natürlich wird, trotzdem hohe Strafen für Hamstern, Schwarzverkäufer usw. bestehen, viel, sehr viel, geschoben. In der so genannten schwarzen Zentrale wird verkauft: 1kg Kaffee 180 RM, 1 Liter Öl 90 RM, 1 kg Butter etwa 80 RM, 10 Zigaretten 7 -8 RM, 30 gr. Tabak desgl. Der Schwindel Ware gegen Ware ist eben so groß.

Ein Witz erzählt: Tünnes trifft den Schäl, der ½ Pfund Butter hatte. Er bittet ihn, dasselbe ihm für ein paar Stunden zu überlassen. Mit der Butter geht er in einen Zigarrenladen und bekommt dafür 10 Zigarren. Mit diesen geht er nun zum Metzger, von dem er weiß, daß der gern gute Zigarren raucht und erhält dafür 2 Pfund fetten Speck. Dann geht er hin und tauscht diesen gegen 2 Pfund Butter um. So war er imstande, seinem Zeitgenossen statt dem geliehenen ½ Pfund, 1 Pfund Butter zurückzugeben. Ich sage, es ist nur ein Witz, aber er wurde in dieser Zeit geboren, in dem ähnliche Geschäfte in reichlichem Maße gemacht wurden.

Im allgemeinen fühlen sich die Inhaber der Geschäfte aller Branchen als Könige. Sie sind mürrig und benehmen sich der Kundschaft gegenüber alles andere als Zeitgenossen. Weshalb man deswegen nicht einschreitet? Jeder Kunde hat Angst, er soll sich unbeliebt machen und dann für die Folge die Worte hören müssen: „leider nicht da, da müssen Sie morgen oder dieser Tage noch mal wiederkommen“ oder: „Nicht da, bitte der Nächste!

So, nun bin ich müde geschrieben. Wenn das Deutsche Volk (das sind wie vorhin erwähnt, die 80 % Unzufriedenen) den Sieg einmal davongetragen hat, wird es auch wieder besser werden.

...

 (August 1943)

Sonntag, 22. August 1943

Am 29. Juli schrieb ich: Herrliches Wetter draußen. Heute muß ich schreiben: Sauwetter draußen Es regnet in Strömen. Seit vergangener Nacht hält der Regen nun an, vorausgegangen war ein Gewitter. Wie hatten den Regen aber auch notwendig. Die vorangegangene Hitze und Trockenheit wurde aber auch langsam unerträglich

Am letzten Sonntag haben wir Jüppchen in Detmold besucht. ...Um 17.15 Uhr mußten wir leider wieder wir wieder Abschied nehmen. Ausgang hatte er noch keinen. So gingen wir wieder befriedigt zum Bahnhof und fuhren 18.30 Uhr mit einem D-Zug von Altenbeken ab. Ich hatte 2. Klasse nachgelöst. Ein Glück. Denn hier bekamen wir schöne Plätze, die 3te Klasse war stark überfüllt. Von Hagen aus hatte sogar jeder von uns eine ganze Seite Abteil für sich. Lang legten wir uns hin. Nur mit Mühe konnten wir noch in Deutz aussteigen, ehe der Zug in ein Abstellgleis fuhr. Es war schon 23 Uhr geworden. Da mußten wir uns beeilen wenn wir vor einem ev. Alarm zu Hause sein wollten. Also wurde wieder das Fahrrad bestiegen, und im Mondschein ging es an den Hausruinen vorbei, der Gierkestr. zu. Bald konnten wir denn von unseren Erlebnissen träumen. Heut noch sind wir froh, die Reise so schnell gemacht zu haben. Wer weiß, ob wir uns so schnell noch einmal wieder sehen können.

Denn im Krieg ist alles möglich. In der engeren Heimat hat sich seit letzten Schreiben nichts besondere ereignet. Feindliche Großangriffe hatten Mannheim, Ludwigshafen, Nürnberg und Bonn zu überstehen. Am 12. August erfolgte auf Bonn ein Tagesangriff schwerer Bomber. Diese kamen in geschlossener Formation - etwa 200 - angeflogen. Auf dem Rückweg wurden dieselben zwischen Aachen und Düren von brit. Jägern abgeholt und nach Hause geleitet. Ein Fallschirmspringer konnte ich beobachten. Langsam senkte sich der Schirm, an dem zappelnd ein Soldat hing. Wie ich hörte, ging der Schirm an der Alteburger Str. nieder. Der Soldat, es soll ein junger Amerikaner gewesen sein, war am Oberarm verwundet und wurde sofort in ärztlicher Pflege gegeben…

Als Kriegsschauplatz haben die deutschen und ital. Truppen Sizilien räumen müssen. So stehen Briten und Amerikaner 5 km von der Grenze Italiens. In Rußland sind auf der ganzen Linie noch schwere Kämpfe im Gange. Wir haben auch OreI aufgegeben. Es war ein sehr wichtiger Stützpunkt. Auch an anderen Stellen der Mittelfront sind wir anscheinend leicht unter schweren Kämpfen zurückgegangen 

(September 1943)

Donnerstag, den3o.9.43

ab hier keine Eintragungen bis 1944